Anjin-Do

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Sonntag, 12. März 2017

Vortrag von Rev. Nottelmann

Ich möchte euch hier ein paar Gedanken über das Sterben mitteilen. Herr Beeh, der die Zen-Gruppe des EKO-Tempels leitet, betont immer wieder, dass es in der Zen-Meditation einzig und allein darum gehe, das rechte Sterben zu lernen, oder genauer gesagt, zu erfahren. Man muss aufhören, Leben und Tod als zwei Seiten zu betrachten, beides ist ein und dasselbe, und je mehr man dies versteht, umso tiefer ist der Friede, den man im Herzen erreichen kann. Solange man gegen das Sterben und den Tod ankämpft, hat man Unfrieden, denn man möchte die Welt ja anders haben als sie ist, und diesen Kampf kann man am Ende nur verlieren. Wenn man aber versteht, dass der Tod immer schon da ist, und zwar nicht als Feind, sondern als Freund, dann erst wir das Leben frei. SHŌJI SOKU NEHAN – Samsara (Leben und Tod) ist Nirwana. Das ist ein Ziel, um das sich alle Buddhisten bemühen.
Für den Reines-Land-Buddhismus und alle mit ihm zusammengehörenden Richtungen sind vor allem das Sterben und der Tod selbst von großem Interesse. Im tibetischen Buddhismus gibt es die „Phowa-Praxis“ (leider ist dieses Wort in Japan durch den Aumshinrikyo-Vorfall in Misskredit geraten). Es handelt sich um eine Anleitung für Sterbende, in der Zeit des nahenden Todes den Buddha Amitābha zu visualisieren und sich vorzustellen, wie man durch den Scheitelpunkt im Augenblick des Todes den Körper verlässt und zu Amitābha emporgezogen wird.
Shinran Shōnin hat im Saihō shinanshō, seinem fast vergessenen Spätwerk, von dem Prof. Arai jüngst die erste Übersetzung ins moderne Japanisch veröffentlicht hat, eine Predigt seines Lehrers Hōnen überliefert, die sich mit dem Thema auseinandersetzt. Auch Hōnen ist kein Verächter der visuellen Vorstellungskraft des Menschen, für ihn ist die bildliche Darstellung wichtig. Am karmisch verdienstvollsten, d.h. am nützlichsten für den Übenden, sind für Hōnen die Amida-Darstellungen, die ihn mit goldener Körperfarbe und in der Pose des Empfangs zeigen (so wie etwa die Statue im EKO-Tempel oder die Bilder auf kleineren Shin-buddhistischen Buddhaaltären). Buddhas anderer Körperfarbe, wie man sie auf den Mandalas des Esoterischen Buddhismus sieht, seien nur transformierte Buddhas, d.h. es sind für die Umstände der fühlenden Wesen angepasste Formen des Buddha, aber nicht letztendliche Buddhas (Buddhas in ihrer wahren Gestalt). 
 Hōnen erörtert dann – immer gestützt auf buddhistische Schriften – wie im Augenblick des Sterbens, je nach dem spirituellen Grad, den der Sterbende erreicht hat, unterschiedliche Visionen vor dem Auge des Sterbenden erscheinen. Die am höchsten entwickelten Wesen sehen den wahren Buddha umgeben von unzähligen transformierten Buddhas, die Wesen der zweiten Stufe (von oben) sehen nur noch 1000 transformierte Buddhas an der Seite des wahren Buddha, usw. bis zu den Wesen der achten Stufe, die nur noch relativ kleine Visionen von zwei Bodhisattvas (Avalokiteshvara und Mahasthamaprapta) und dem Buddha haben. Die Wesen der neunten Stufe, d.h. die niedrigsten Anhänger des Buddha, sehen nur noch die goldene Lotosblume, die sie dann ins Reine Land trägt. So jedenfalls, nach Hōnen, die direkte Bedeutung der Schriften.
Warum kommt der Buddha zum Empfang des Sterbenden? Hierfür gibt es nach Hōnen drei Gründe: Er kommt, 1. um dem Sterbenden die Rechte Achtsamkeit zu geben und auf diese Weise zu beschützen, 2. um ihm den Weg ins Reine Land zu weisen, 3. als Gegenmittel gegen die Kraft des Mara.
Der erste Punkt ist am wichtigsten und stimmt mit dem dritten weitgehend überein. Ich möchte das Saihō shinanshō direkt zitieren:
„Erstens, kommt er zum Empfang, um uns die Rechte Achtsamkeit zu geben. Wenn wir es uns überlegen, so sind wir, wenn wir sterben müssen, von Krankheit und Leiden bedrängt, und sicherlich kommen uns anhaftende Gedanken in dreifacher Hinsicht: wir haften an der Welt, diesem Körper und diesem Leben. Aber wenn der Buddha Amida seinen großen Lichtglanz entsendet und vor dem Übenden erscheint, so ist das ein so unvorstellbares Ereignis, dass gar kein anderer Gedanke als der der Zufluchtnahme und Ehrfurcht entstehen kann. Die drei anhaftenden Gedanken verflüchtigen sich und tauchen nicht mehr auf. Ferner nähert sich der Buddha so dem Übenden und gewährt ihm seinen Schutz.“
Noch deutlicher wird Hōnen weiter unten. Ich war selbst überrascht als ich diesen Text das erste Mal las, nie war mir so deutlich erklärt worden, was Befreiung aus Fremdkraft bedeutet:
„Folglich ist klar, dass Amida nicht kommt, weil der Übende am Ende seines Lebens rechte Achtsamkeit praktiziert, sondern der Übende praktiziert rechte Achtsamkeit, weil Amida kommt. D.h. Menschen, die die zur Hingeburt führenden Übung vollendet haben, während sie in dieser Welt leben, werden am Ende ihres Lebens sicherlich von einer Schar Heiliger empfangen werden. Wenn sie empfangen werden, ist die rechte Achtsamkeit sofort da.“
Der Nembutsu-Übenden erbringt also keine Vorleistung, er muss sich nicht aus eigener Kraft für die Hingeburt „startklar“ machen; sondern gerade das ist die Bedeutung des Empfangs, Amida erbringt die „Vorleistung“.
Mit der zur Hingeburt führenden Übung, ist übrigens das Nembutsu im Vertrauen auf das 18. Gelübde gemeint, das Shinran im Shōshinge anspricht: 
本願名号正定業HON-GAN MYŌ-GŌ SHŌ-JŌ-GŌ
„Der Namensruf, der nach dem Grundgelübde [von Amida selbst ausgeht], ist das Karma, das [die Geburt in sein Reines Land] wahrhaft sichert.“
Dabei ist das, was in meiner üppigen ergänzten Übersetzung, mit „wahrhaft sichert“ SHŌ-JŌ übersetzt wird, zugleich das achte Glied des Achtfachen Pfades, die „Rechte Festigung“ oder auch „Rechte Sammlung“, nach dem man die Shin-Buddhisten ja immer wieder fragt. „Sammlung“ bedeutet nämlich, dem Herz „Festigung“ (samādhi) zu geben. Spätestens im Augenblick des Todes schenkt Amida dem Nembutsu-Übenden diese zwei wichtigen Glieder des Achtfachen Pfades: „ Rechte Achtsamkeit“ und „Rechte Sammlung“.
Dieser Text hat nicht nur sehr lehrreich für uns selbst und unser Verhältnis zum Tod, sondern auch für unseren Umgang mit Sterbenden. Von Menschen, die eine Nahtoderfahrung genacht haben, ist immer wieder bezeugt worden, dass sie ein helles Licht sahen, ganz ähnlich wie die in diesen Texten beschriebene „goldene Lotosblume“. Wir sollten deshalb nicht so pessimistisch sein, wenn Menschen in ihrem Leben die buddhistische Lehre nicht kennengelernt haben oder gar Vorbehalte dagegen haben. Wir sollten einen Sterbenden nicht bekehren wollen, insofern sollte wir auf zu explizite Symbole und Zeremonien des Buddhismus verzichten. Nur Menschen, die gleichermaßen Buddhisten und zum Sterben bereit sind, finden darin eine zusätzliche Unterstützung. Bei allen anderen erzeugt man auf diese Weise bloß Zweifel bzw. Angst, also negative Geistesfaktoren. Lassen wir den Buddha einfach seine Arbeit tun!
Guter Freund im Sinne des Buddhismus ist man aber, indem man versucht dieses Ereignis der Hingeburt „auszustrahlen“. Menschen reagieren nicht nur auf ausgesprochene Gedanken, sondern vor allem auch auf non-verbale Signale. Man kann versuchen, den Geist des Sterbenden auf lichtvolle Dinge hinzuwenden. Vor allem kann man sich in seinem Herzen auch das Bild vom Empfang durch den Buddha vorzustellen, und anstelle des Sterbenden das Nembutsu rezitieren. Wir sollten uns nicht schämen, dies zu tun. Wir erbringen dadurch keine „Vorleistung“ oder vollziehen etwas für den Sterbenden, sondern wir begleiten einfach mit unseren Gedanken das, was gerade geschieht. Dadurch verneigen wir uns vor großen Lehrern wie Hōnen und üben das Nembutsu. Weil wir aber das Nembutsu üben, gleichsam in Resonanz zum Ruf des Buddha Amida geraten, geben wir dem Sterbenden eine weitere Möglichkeit, das Nembutsu zu hören.

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